Alte Meisterinnen
Yayoi Kusama, Ruth Wolf-Rehfeldt, Ingrid Wiener: Jahrzehntelang
interessierte sich kaum jemand für ihr Werk. Im Rentenalter wurden sie
zu Superstars.

Es sind oft junge Leute, die bewundernd vor ihren Arbeiten stehen, welche so modern, so eigen wirken. Abstrakte „Typewritings“, geschaffen aus getippten Buchstaben und Zeichen, aus subtilen Botschaften und stillem Humor.
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Ruth Wolf-Rehfeldt (geb. 1932) Die Mail-Artistin aus Ost-Berlin überwand mit ihren „Typewritings“ Grenzen.Foto: Wikipedia / Creative Commons

Die Damen liefern fette Kost
Es gab eine Zeit, noch gar nicht so lange her, da konnten die Künstler gar nicht jung genug sein. Galeristen fischten sie von der Hochschule weg, pushten sie hoch und verheizten sie oft. Und jetzt? Sind die Seniorinnen dran. Die Liste derer, die erst spät oder posthum geehrt werden, ist lang: Christa Dichgans, Jeanne Mammen, Eva Hesse, Anita Rée, Alice Neel … Selbst Louise Bourgeois und Maria Lassnig wurden erst im Rentenalter zu den Superstars, die sie heute sind. Performancekünstlerin Takako Saito hat mit 88 ihre erste Retrospektive bekommen, Rose Wylie wird mit 84 als Junge Wilde gefeiert.
Davon profitieren jetzt, zum 100. Geburtstag, auch endlich die Bauhausfrauen, denen sich auffallend viele Bücher, Fernsehfilme und Ausstellungen widmen. Über Gropius ist eigentlich alles gesagt. Über Anni Albers nicht. Besucher ihrer Solo-Show, die im letzten Jahr erst im Düsseldorfer K20, anschließend in der Londoner Tate Modern lief, waren verblüfft von ihrer ebenso abstrakten wie sinnlichen Textilkunst, deren Vielfalt und Offenheit gegenüber Inspirationen.
„Frauen malen nicht so gut“
Anders als die Jungen hatten die Alten Jahrzehnte Zeit, ihr Werk zu entwickeln. Jahrzehnte, in denen sie kaum oder gar nicht beachtet wurden. Weil sie im Schatten der Männer, nicht selten ihrer eigenen, standen, weil sie keiner Schule angehörten, jenseits der aktuell angesagten Trends arbeiteten. Weil sie, ganz einfach: Frauen waren. Die es bis heute ungleich schwerer haben, ins Museum zu kommen. Vorurteile halten sich hartnäckig. Noch 2013 erklärte Georg Baselitz im „Spiegel“, „Frauen malen nicht so gut“. Und wer Kinder bekommt, hat es selbst im 21. Jahrhundert schwer, als Künstler ernst genommen zu werden. Für junge Väter gilt das nicht. Auch deswegen haben es die Alten einfacher: Sie sind aus dem gebärfähigen Alter raus.Was allen Frauen hilft, ist der Aufstieg der Kuratorinnen an die Spitze vieler Institutionen. So hat die Direktorin der Tate Galleries gerade entschieden, in der Ausstellung britischer Kunst seit 1960 für mindestens ein Jahr nur Künstlerinnen zu zeigen. Ihr ging die Wiederentdeckung nicht schnell genug.
Im Nachhinein gereicht den Künstlerinnen die frühere Nichtbeachtung durchaus zum Vorteil. Denn frei vom Druck des Kunstbetriebs machten sie einfach, was sie für richtig hielten und nicht, was erwartet wurde. Jetzt werden sie bewundert für die Hartnäckigkeit, mit der sie ihre eigene Sache betrieben. So wie Carmen Herrera, die die „New York Times“ 2009 auf der Titelseite als „The Hot New Thing in Painting“ ankündigte. Dabei hat die kubanischstämmige New Yorkerin mit 89 ihr erstes Bild verkauft. Mit 103 malt sie immer noch ihre radikal reduzierten Werke, geometrische Abstraktion mit nie mehr als zwei Farben. Ermöglicht hat ihr dieses Leben ihr Mann, der als Englischlehrer das Geld verdiente und sie bat, keinen Brotjob anzunehmen, sondern zu Hause zu bleiben und Kunst zu machen.

Als Außenseiterinnen, nicht selten auch Autodidaktinnen, entwickelten die Künstlerinnen zudem einen anderen Blick auf die Welt. Ein Blick, der heute auf mehr Interesse stößt als noch vor einem halben Jahrhundert.
So wie Ingrid Wiener. Gerade ist ein Buch über die Österreicherin erschienen, geschrieben von der jungen Berliner Autorin Carolin Würfel, deren Bewunderung der Frau so sehr wie der Künstlerin gehört. „Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung“ (Hanser Berlin) schildert das Leben einer pragmatischen Bohemienne.
Als Teenager ging Wiener zu einem Zuhälter, um zu lernen, wie guter Sex funktioniert (eine enttäuschende Recherche); als junge Textilkünstlerin webte sie erst mal Teppiche für Friedensreich Hundertwasser, nach dessen Bilder-Vorlagen, die dieser unter seinem Namen verkaufte. „Wir wollten nicht berühmt werden“, sagt Wiener heute, „wir wollten Geld verdienen.“

Kunst von Yayoi Kusama ist heute Millionen wert
Kurzer, grauhaariger Wuschelkopf, kullerrunde Brille, strahlende Augen, bunt karierte Schuhe – bei den Buchpräsentationen vorletzte Woche in Berlin kichert die 76-Jährige wie ein junges Mädchen, wenn sie aus ihrem reichen Leben erzählt. Das junge Publikum liegt ihr buchstäblich zu Füßen, Dussmann hat ein Schaufenster mit dem Buch gefüllt, eine Woche lang gibt sie jeden Tag ein Interview. Auf die Frage, ob sie bedauert, nicht früher Anerkennung gefunden zu haben, antwortet Wiener mit einem österreichischen „Naa!“. Wobei ihre Gelassenheit, genau wie die von Ruth Wolf-Rehfeldt, vielleicht auch mit den geringen Erwartungen zu tun hat, die an sie als Mädchen gestellt wurden.Der plötzliche Boom der Oldies hat natürlich etwas mit den neuen Kanälen zu tun, über die Vergessene jenseits der Kunstkritik Aufmerksamkeit bekommen. Prominentestes Beispiel: Yayoi Kusama, die als Japanerin im New York der 60er Jahre mit ihren ungewöhnlichen Skulpturen zwar beachtet, aber für ihren Geschmack schwer unterschätzt wurde und nach einem Nervenzusammenbruch in ihre Heimat zurückkehrte. Heute, mit 89, gilt sie als eine der teuersten Künstlerinnen der Welt, kostet ein Bild nicht mehr 75 Dollar, sondern schon mal sieben Millionen.

Bekanntmachen allein reicht nicht
Kusama ist bei David Zwirner unter Vertrag, Nummer 1 unter den Kunsthändlern, der auch die Nachlasse von Anni Albers und Alice Neel betreut, die mit ihrem eigenwilligen, politischen Realismus in den letzten Jahren Furore machte. Denn auch das fördert die weibliche Attraktivität: dass die Steigerungsraten der Preise großes Potenzial haben. Unter den 50 teuersten Künstlern der Welt findet sich bisher keine einzige Frau. Für die Ausstellungsmacher wiederum bedeuten die niedrigeren Preise, dass auch die Versicherungssummen nicht so astronomisch sind – daran scheitert sonst so manche Schau.
In Berlin konnte man Lotte Laserstein schon 2003 in einer großen Ausstellung entdecken. Dank des Verborgenen Museums, in dem zur Zeit eine viel gelobte Ausstellung der in die Niederlande emigrierten Fotografin Maria Austria zu sehen ist. Die Charlottenburger Institution hat sich schon vor mehr als 30 Jahren zur Aufgabe gemacht, was heute en vogue ist: vergessene Künstlerinnen, vor allem Fotografinnen, wieder in den Fokus zu rücken. Nicht nur mit einzelnen, aufregenden Ausstellungen, sondern langfristigen Forschungen und internationalen Kooperationen. Denn Bekanntmachen allein reicht den Museumsmacherinnen nicht, Bekannthalten heißt die Herausforderung. Auch wenn der Andrang von Studenten und Journalisten in den letzten Jahren spürbar gestiegen sei, könne es noch immer passieren, dass Künstlerinnen in Lexika einfach fehlen. Was wohl passieren würde, wenn die Männer rausflögen?
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